Demokratie

Es ist opportun geworden, über die Gefahren zu diskutieren, die von Flüchtlingen ausgehen. Zeit, an eine andere Gefahr zu erinnern.

Åsne Seierstad: En av oss. En fortelling om Norge/ One of us: The Story of Anders Breivik and the Massacre in Norway /Einer von uns. Die Geschichte des Massenmörders Anders Breivik 

En av ossNorwegen, Januar 2016: Der einzige norwegisch-russische Grenzübergang Storskog hat eine gewisse Berühmtheit erlangt, denn dort wechselten im vergangenen Jahr insbesondere Syrer per Fahrrad auf die andere Seite und suchten Asyl. Zu Fuß darf man die Grenze nicht passieren. Storskog liegt in der Nähe von Kirkenes, dem Wendepunkt der Hurtigruten. Dorthin fahren normalerweise Touristen, die Polarlichter sehen wollen oder Königskrabben fangen. Jetzt mussten sie dort eine Aufnahmestation für die Flüchtlinge einrichten. Und seit Januar schickt Sylvi Listhaug, frischgebackene Ministerin für Integration, die Leute mit Bussen wieder zurück über die Grenze. Listhaug gehört der rechten Fremskrittspartiet an.

Die Abschiebungen nach Russland sind nur ein besonders plakativer Teil von Listhaugs Politik, die in Norwegen durchaus umstritten ist. Doch in ganz Europa werden Asylgesetze verschärft. „Wie stoppen wir die Flut“ und „Wie kriegen wir sie wieder los“ überlagert inzwischen alles, obwohl die Lage in den Herkunftsländern keineswegs besser geworden ist. Die öffentliche Debatte wird beherrscht von Emotionen, die aus den unterschiedlichsten Lagern und Gründen angefeuert werden. Lautstark mischen jene mit, die schon immer was gegen Leute hatten, die anders aussehen und woanders her kommen. Und während zahlreiche ehrenamtliche Freiwillige den christlichen Gedanken der Nächstenliebe in die Tat umsetzen und die unterstützen, die vor Krieg und Gewalt geflohen sind, dürfen Leute in Talkshows zu Wort kommen, die sich zwar auch Christen nennen, aber weder die zehn Gebote noch das Grundgesetz begriffen zu haben scheinen. Dafür warnen sie vor der Islamisierung des Abendlandes. Und im Internet erfährt man Dinge über seine Mitmenschen, die man vielleicht lieber nicht gewusst hätte.

Dass im Internet gegen Ausländer gehetzt wird, mag gerade besonders heftig sein – neu ist es nicht. Während alle Welt über islamistische Schläfer diskutierte, bildete sich ein blonder Norweger namens Anders Behring Breivik auf einschlägigen Seiten fort in Sachen Untergang des Abendlandes durch Unterwanderung mit Moslems. Er pachtete einen Hof, um Dünger bestellen zu dürfen. Statt Nahrungsmittel stellte er daraus allerdings Bomben her, die er am 22. Juli 2011 im Osloer Regierungsviertel explodieren ließ. Acht Menschen starben bei diesem Anschlag. Danach erschoss der 32-Jährige auf der Insel Utøya 69 Jugendliche, die an einem Ferienlager der Nachwuchsorganisation der Arbeiterpartei teilnahmen. Die zukünftige Multikulti-Elite sollte ausgerottet werden.

Die norwegische Journalistin und Schriftstellerin Åsne Seierstad hat die Arbeit auf sich genommen, den Fall Breivik aufzurollen. Seierstad, sonst Auslandsreporterin, saß für Newsweek im Gerichtssaal. En av oss. En fortelling om Norge heißt das Werk, das bereits in einer englischen Übersetzung erschienen ist (One of us: The Story of Anders Breivik and the Massacre in Norway) und im Mai 2016 auch auf Deutsch herauskommen soll (Einer von uns. Die Geschichte des Massenmörder Anders Breivik). Sie studierte dafür Polizeiprotokolle und Breiviks Manifest. Sie sprach mit den Eltern der Opfer und mit Überlebenden. Einige davon porträtiert sie und schafft damit das Gegengewicht zu dem selbsternannten „Retter“ Norwegens: Das Gesicht junger Leute, die sich für andere einsetzten und gemeinschaftlich eine bessere Zukunft gestalten wollten. Aus den Zahlen werden so Individuen. Die Einnahmen aus dem Buch gehen an eine Stiftung, an der Hinterbliebene beteiligt sind und über den Einsatz entscheiden.

Angesichts der furchtbaren Tat mag es zunächst verwundern, dass Seierstad die Geschichte wie einen Roman erzählt. Wenn es um den kleinen Anders geht, dessen Mutter offenbar psychische Probleme hat, den Vater, der nach der Scheidung nur noch wenig Kontakt hat, dann möchte man schreien: Das ist keine Entschuldigung! Doch es kristallisiert sich so ein Bild heraus: Das eines Menschen, der so gerne ganz oben gewesen wäre, eine bewunderte Führerfigur, und statt dessen immer wieder abgewiesen wurde. Der Probleme damit hatte, überhaupt enge Beziehungen zu Menschen aufzubauen, seien es Frauen oder Männer. Der reich werden wollte und sein Geld mit dem Fälschen von Zeugnissen verdiente, bis rechtliche Schwierigkeiten drohten. Der in World of Warcraft schließlich ein System entdeckte, in dem er sich zurechtfand und es bis ganz oben schaffte. Schließlich vom Spiel zu Internetseiten weiterzog, die vor Islamisierung und Überfremdung warnten. Und mit sich selbst als einzigem Mitglied einer erfundenen Tempelritter-Organisation zum Feldzug überging. Wenigstens als Krieger wollte er groß sein.

Breivik hatte für sein Manifest seinen Lebenslauf poliert. Seierstad legt ihn bloß, ohne ihn gleich in eine Schublade zu stecken. Die Frage, über die ganz Norwegen diskutierte – ein politischer Extremist oder ein psychisch Kranker mit Wahnvorstellungen – muss jeder Leser für sich beantworten. Das Gericht hielt ihn für zurechnungsfähig.

Åsne Seierstad sieht aber nicht nur bei Anders Behring Breivik genau hin, sondern auch bei der norwegischen Polizei. Die Fehler, die dort gemacht wurden, sind erschreckend. Bereits neun Minuten nach der Explosion im Regierungsviertel meldete sich ein Anrufer, der den Täter genau beschrieb, inklusive Autonummer. Rund 40 Kilometer sind es vom Ort der Bombe bis zum Tyrifjord, und dann musste Breivik ja auch noch auf die Insel kommen. Offenbar gab es keinerlei Konzept für einen solchen Fall und immer wieder Verzögerungen durch eine falsche Prioritätensetzung, Missverständnisse, mangelhafte Weitergabe von Information und zeitraubende Kleinarbeit. Möglicherweise ist es utopisch, zu glauben, dass ein gut funktionierender Apparat Breivik früher hätte stoppen können. Hinterher ist man bekanntlich immer schlauer. Doch eine öffentliche Warnung vor einem falschen Polizisten ohne Polizeiauto hätte 69 Jugendlichen wahrscheinlich das Leben gerettet.

Man kann nur hoffen, dass die norwegische Polizei daraus gelernt hat. Immerhin scheint der Verlauf des Tages inzwischen transparent dokumentiert. Darauf kann man im Fall der NSU-Morde in Deutschland wahrscheinlich vergeblich warten.

Vort svar er mer demokrati, mer åpenhet og mer humanitet. Men aldrig naivitet.» – «Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Humanität. Aber niemals Naivität.» Dieser Satz des damaligen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg bei der Trauerfeier in der Domkirche weckte damals Aufmerksamkeit in der ganzen Welt. Man wünscht sich, es würde sich in der heutigen Situation ab und zu jemand daran erinnern.