Weil der Krieg gegen das Land nicht aufhört

Andri Snær Magnason: Draumalandið /Dreamland/ Traumland
                  

Dreamland CoverDer Krieg gegen das Land heißt ein berühmter Essay des isländischen Nobelpreisträgers Halldór Laxness von 1971. Darin wendet sich der Schriftsteller gegen die Idee, immer mehr Flüsse zur Energiegewinnung für die Aluproduktion aufzustauen und Natur unter Wasser zu setzen. 2006 sah sich der isländische Autor Andri Snær Magnason genötigt, in Laxness‘ Fußstapfen zu treten: Mit Draumalandið (englische Ausgabe Dreamland, 2008, deutsche Ausgabe Traumland, 2012) legte er sogar ein ganzes Buch dazu vor. Anlass waren die Pläne für den größten Staudamm Islands, das Kárahnjúkar-Projekt, dessen Strom ein weiteres Aluminiumwerk versorgen sollte, und die inzwischen umgesetzt sind. Dennoch ist das Buch auch heute noch lesenswert. Denn gerade wurden auf Island neue Wasserkraft-Pläne vorgelegt, unter anderem für den Dettifoss. Der Krieg gegen das Land hört also nicht auf. Außerdem ist es viel mehr als eine Streitschrift gegen einen Damm.

Island genießt unter Naturfreunden einen guten Ruf. Neidvoll blicken andere Länder auf die scheinbar unerschöpflichen Möglichkeiten von Wasserkraft und geothermischer Energie, in einem Land, in dem sich die Bevölkerung der Region Kiel auf gut 100 000 Quadratkilometer verteilt. Und trotz Banken- und Wirtschaftskrise brauchen Lebensstandard und „Zufriedenkeit“ den Vergleich mit Deutschlands Werten nicht zu scheuen.
Dreamland FilmDass die politische und wirtschaftliche Führung dieses Landes das saubere Image gerne benutzt, aber mit seinen Plänen dabei ist, genau dies zu zerstören, dürften dagegen die wenigsten wissen. Seit den 1990er-Jahren wird um die Ansiedlung energieintensiver Unternehmen geworben, die dann mit Sonderkonditionen rechnen dürfen. Detailliert rechnet Andri Snær Magnason vor, dass die Möglichkeiten des kleinen Landes aber keineswegs unendlich sind und um welche konkret es dabei geht. Und er erklärt, wie auch die übelsten Vorhaben gerechtfertigt werden: Indem mit dem nationalen Trauma gedroht wird – zurück zur Torfhütte und Schuhen aus Schafsleder.
Der Stausee am Polarkreis mag niemanden hinter dem Ofen hervorlocken in einem Land, in dem noch Kohlekraftwerke gebaut werden und Energieunternehmen die Regierung wegen entgangener Gewinne durch die Abschaltung von Atommeilern verklagen. Die Mechanismen, die der isländische Schriftsteller beobachtet hat, dürften aber jedem bekannt vorkommen, der schon einmal bewusst die Umsetzung von Großprojekten verfolgt hat, hinter denen mächtige Interessen standen: Arbeitsplätze als Totschlagargument. Gut gesponserte Propagandaschlachten. Wer dagegen ist, ist gegen den Fortschritt. Diskreditierung von Fachleuten mit abweichender Meinung. Dem bekannten isländischen Fotografen Ragnar Axelsson wurde sogar vorgeworfen, seine Bilder von dem zu flutenden Gelände seien zu schön. Und die Vokabel alternativlos gibt es sinngemäß auch in anderen Sprachen.
Wie ausgerechnet Alufirmen zum scheinbaren Retter der Nation werden konnten, erklärt Andri Snær Magnason mit dem Blick in die jüngere Vergangenheit: Er begleitet den Abzug der amerikanischen Truppen aus Keflavík, durch den viele Isländer zunächst ihre Arbeit verloren. Mit fiktiven Schlagzeilen wie WORLD PEACE THREATENS LOCAL ECONOMY bringt er die Absurdität einer Gesellschaft auf den Punkt, die sich am Status Quo festkrallt und nicht über den Tellerrand sehen will. Deutsche Kasernenstädte finden hier ihren Spiegel.
Der Autor dreht auch immer wieder den Spieß um. All die Leute, die ihr Geld auf der Nato-Basis in Keflavík verdient haben, all die Leute, die jetzt ihre Fähigkeiten für internationale Alu-Konzerne einsetzen – könnten sie nicht mit ihren Talenten etwas Besseres anstellen? Beispielsweise in ihrem eigenen Unternehmen, in dem sie das tun, was sie am besten können – Programmieren, Möbel designen oder das isländische Raumfahrtinstitut gründen. Es sei vielleicht mühsamer als der leicht zugängliche Job in einem Großkonzern oder beim Militär, aber gesellschaftlich nachhaltiger, und möglicherweise für manchen sogar gewinnträchtiger. Vermutlich deshalb hieß der Untertitel der isländischen und der englischen Ausgabe auch „Selbsthilfehandbuch für eine verängstigte Nation“.
Man könnte dies als naiv abtun in einer Zeit, in der immer mehr Menschen darum kämpfen müssen, dass sie für gute Arbeit auch gut bezahlt werden, und selbst Akademiker sich im Niedriglohnsektor wiederfinden.
Trotzdem ist sein Ansatz richtig: Weg von der Idee, dass nur ein Großkonzern Rettung bringen kann. Wie wir auch in Deutschland immer wieder erleben, geraten Regionen dadurch eher in Abhängigkeit, werden erpressbar und profitieren trotzdem nicht angemessen über die Gewerbesteuer.
Und nicht zuletzt ist es richtig, die Frage zu stellen, welchen Preis wir bereit sind, für ein Produkt zu bezahlen – und wer ihn eigentlich bezahlt. Das sind nicht nur die Isländer, deren Landschaft durch Stauseen zerstört wird und wo schon vor Kárahnjúkar mehr als die Hälfte des produzierten Stroms in die Aluproduktion ging. Der Rohstoff für Aluminium, Bauxit, stammt aus Tropenländern, dafür fällt Regenwald. Der giftige Rotschlamm ist ein Abfallprodukt der Aluminiumproduktion, der in der Regel deponiert wird – je nach Auflagen halbwegs sicher oder vernichtend für die Umgebung. Der Autor porträtiert dafür eine andere Insel: Jamaica.
Andri Snær Magnason wehrt sich auch gegen den Anspruch, Island habe aufgrund seiner Möglichkeiten eine moralische Verspflichtung, der Welt mit ihrer Energie weiterzuhelfen. Mit ein paar durchaus unterhaltsamen Rechenbeispielen führt er dies ad absurdum: Die maximal in Island erzeugbaren 30 Terawatt würden gerade einmal ausreichen, die Hälfte der Strommenge zu decken, die amerikaische Haushaltgeräte brauchen, wenn sie NICHT in Betrieb seien: „…or to put it another way: by harnessing every ounce of hydropower in Iceland, you get enough to provide for 50 per cent of NOTHING in the USA.“
Genauso lächerlich die Idee, die Welt sei auf frisches isländisches Aluminium angewiesen. Denn das Material könnte zu einem Bruchteil der Energie unbegrenzt wiederverwertet werden, wird es aber nicht. Erneut anhand von Zahlen aus den USA: „…By burying the cans, energy is lost to the tune of three Kárahnjúkar schemes a year.“ Und als gäbe es keine anderen Möglichkeiten, beispielsweise Flugzeuge herzustellen: „Every three months the people of America dump enough aluminium cans to renew the entire US airfleet.“
Der Kárahnjúkar-Damm ist geschlossen, 57 Quadratkilometer Land geflutet. Der nach diesem Buch gedrehte und 2009 veröffentlichte Film (Untertitel: Was bleibt, wenn alles verkauft ist?) dokumentiert dies auf herzzerreißende Weise. Der Fischbestand im einst klaren See Lagarfljót, durch den nun ein trüber Gletscherfluss strömt, soll inzwischen deutlich abgenommen haben. Die Anwohner klagen über Erosion durch die stärkere Strömung. Und die Ironie der Geschichte: Wie 2011 Kraftwerks-Betreiber Landsvirkjun selbst zugab, ist das Projekt längst nicht so wirtschaftlich wie erhofft. Der Strompreis für den Aluhütten-Betreiber Alcoa wurde an den Weltmarktpreis für Aluminium gekoppelt – und der ist gesunken.

Übrig bleibt dieses Buch. Das sich nicht nur deshalb lohnt zu lesen, weil der Krieg gegen das Land noch nicht vorbei ist. Sondern auch, weil Andri Snær Magnason einfach ein verdammt guter Schriftsteller ist. Der einen auch bei einem Sachbuch auf eine Reise mit vielen unerwarteten Aussichtspunkten mitnimmt – vom Ursprung der Ideen bis zur Frage, warum man nicht nur eine Pyramide bauen kann. (2014)

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Andri Snær Magnason und Björk haben eine Pressekonferenz zu den isländischen Energieplänen gegeben – die Idee eines Stromkabels nach Großbritannien wird nun konkret. Sie rufen Landsleute und Ausländer dazu auf, sich dagegen zu wehren: „The concept of Iceland’s infinite energy of Iceland is on par with other myths from Iceland like elves and trolls. You cannot simply plug into a volcano. Iceland has already harnessed its nature for energy production close to the maximum and the only way this proposal could work would be to build more power plants“

http://www.andrimagnason.com/uncategorized/2015/11/press-conference-bjork-and-andri-snaer-during-airwaves-nov-6th/

http://heartoficeland.org/