Auf See

71 Prozent der Erdoberfläche sind von Ozeanen bedeckt. Ihr Einfluss auf das menschliche Leben ist größer, als sich mancher im Alltag vorstellen mag. Darüber schreibt der Kieler Klimaforscher Mojib Latif in seinem Buch „Das Ende der Ozeane. Warum wir ohne die Meere nicht überleben werden“, das 2014 veröffentlicht wurde.

Mojib Latif: Das Ende der Ozeane. Warum wir ohne die Meere nicht überleben werden.

Titel Ende der Ozeane„Wäre das Meer eine in Not geratene Bank, dann hätten die Politiker überhaupt keinen Zweifel daran, dass man es umgehend retten muss. Der Meeresschutz besäße absolute Priorität, auch vor den heute alles dominierenden kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen. Denn die Meere wären „systemrelevant“, wie es so schön im Politikerdeutsch heißt.“

Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif redet auch in seinem neuen Buch über die Ozeane Klartext. An andere Stelle heißt es: „Die internationalen Klimaverhandlungen gleichen einer Lachnummer, doch zum Lachen ist dieses Trauerspiel eigentlich nicht. Anspruch und Wirklichkeit könnten in der internationalen Klimaschutzpolitik nicht weiter auseinanderliegen. Stellvertretend für die vielen Floskeln, die die Politiker von sich geben, sei hier ein Satz aus der Erklärung des Weltwirtschaftsgipfels genannt, der 2007 im deutschen Heiligendamm stattfand: „Wir erwägen ernsthaft, den Ausstoß von Treibhausgasen bis zur Mitte des Jahrhunderts zu halbieren.“ Statt dessen herrsche: „Klimamikado“: „Wer sich zuerst bewegt, der verliert.“ Diese Ansicht dürfte der Autor auch nach dem allseits bejubelten Ergebnis von Paris nicht geändert haben: Wie Medien berichten, ist es ihm zuwenig konkret. Damit sei die Erderwärmung nicht zu stoppen.

Wie notwendig es wäre, dass sich ändert, macht Latif in seiner Bestandsaufnahme der Ozeane und ihrer Rolle im Klimasystem deutlich. Schließlich hängt alles irgendwie zusammen und die Veränderung eines Parameters an einer Stelle kann ganz woanders Folgen haben. Erwärmung, Versauerung, Verschmutzung – die Probleme kommen von allen Seiten. Sie treffen auf ein System, das träge, aber nicht unendlich belastbar ist, so groß einem das Meer auch scheinen mag. Dass längst nicht mehr alles gut ist, zeigen Korallensterben, eine geschrumpfte Fischpopulation, dafür eine Zunahme von Quallen und ein Müllstrudel. Latif erinnert an die Unfälle auf der Bohrinsel Deepwater Horizon und und die Schäden, die der Tsunami im Atomkraftwerk Fukushima ausgelöst hat. Das ist nötig, denn die Namen sind aus den Schlagzeilen verschwunden. Das Öl und die Radioaktivität sind es nicht.

Und was, wenn das globale Ozean-Förderband schwächer wird oder ganz stoppt, weil schmelzende Gletscher und wärmeres Wasser die physikalischen Voraussetzungen dieser Zirkulation verändern? Oder wenn schlechtere Umwälzung, absterbende Algen und höhere Temperaturen den Sauerstoffgehalt im Meer so weit sinken lassen, dass Schwefelbakterien die Oberhand gewinnen und alle Fische sterben? Dass dies zumindest in bestimmten Regionen kein unrealistisches Schreckensszenario ist, sieht man an der Küste Namibias, wo es aufgrund der speziellen Verhältnisse dort heute schon immer wieder zu Schwefelwasserstoffausbrüchen kommt.

Hoffnung macht Latif, wenn er über aktuelle Forschungsarbeiten schreibt. So hat Fabien Brett von der Stanford University 2014 zusammen mit Kollegen nachgewiesen, wie die giftigen Komponenten des Öls die Herzen junger Thunfische schädigen. Fische mit Herzschäden traten bereits nachdem Unfall der Exxon Valdez 1989 auf, das gleiche Phänomen war nach der Explosion der Deepwater Horizon zu beobachten. Den Fischen mag das zunächst nicht helfen, doch können sich Ölfirmen nun weniger leicht aus der Verantwortung stehlen.

Hoffnung machen aber vor allem Untersuchungsergebnisse aus Meeresschutzgebieten und Konzepte zu nachhaltigem Fischereimanagement – für Latif die viel bessere Alternative zur „Massentierhaltung im Meer“, sprich, Aquakultur: „Nachhaltiges Wirtschaften wird die Meere schützen und vor allem uns Menschen zum Vorteil gereichen (…) Warum lassen wir nicht einfach die Meere genesen? Behandeln wir die Ozeane so, wie wir uns selbst behandelt wissen wollen. Die Ozeane werden es uns danken, indem sie uns reichlich belohnen.“

Lohnenswert ist auch die Lektüre dieses Buches, das einen Einblick gibt in den heutigen Stand der Wissenschaft auf verschiedenen Feldern rund ums Meer. Dabei bleibt Latif immer verständlich und gut lesbar. Was die Hoffnung weckt, dass dies auch möglichst viele tun. „Es sind eben nicht nur die chinesischen Randmeere, die uns Sorgen bereiten. Das denken wir doch insgeheim. Die Menschen in der alten Welt und gerade wir in Westeuropa sind doch die Guten, die Vorreiter für eine saubere Umwelt. Weit gefehlt.“ Zeit also, das „gigantische Experiment“ mit vielen Unbekannten zu beenden.